Die Gitarre

Auszug aus einer Erzählung von Marcus Hammerschmitt

      

Die Geschichte, wie ich kein Rockgitarrist wurde, ist gar nicht so aufregend. Mein Leben ist nicht so spannend, dass es da viel zu erzählen gibt. Das ist übrigens bei den meisten Menschen so, und sie erzählen halt die kleinen Aufregungen, als wären es große. Das fängt im Kindergarten an und hört bis zum Schluss nicht auf. Es passieren nicht so viele große Sachen pro Mensch, dass man dauernd davon erzählen müsste, im Leben der meisten Leute passiert sogar eigentlich gar nichts, und man muss die Zeit rumbringen. Deswegen erzählt man: Hast du gestern im Fernsehen gesehen, und die Nachbarin hat schon wieder einen Neuen. Klatsch ist ja so wichtig, man darf ihn deswegen auch nicht verurteilen.

Also die Rockmusik. Ist natürlich der beste Patentaufreger, den es gibt. Da ist alles drin, was im normalen Leben eigentlich nicht vorkommt, Sex, Gewalt, Drogen, die ganzen tollen Sachen. Und natürlich auch Heldsein und Hymne. Also Entscheidungen. Also echter Kampf. Bei mir war das mit der Rockmusik so. Gleich am Anfang, so mit 14, mochte ich AC/DC. Ballerte halt. Und meine Eltern waren dagegen, aber sie schenkten mir doch einen Radiorekorder. Das kann man als Grundkonstante eigentlich festhalten: Meine Eltern waren dagegen, aber sie schenkten mir die Ausrüstung. Danke, liebe Eltern. Die AC/DC-Phase ging dann vorbei. Natürlich nicht ganz. Wenn man mit 14 AC/DC-Fan war, dann bleibt man es sein Leben lang. Es ist wie eine chronische Krankheit. Man denkt, man hat das überwunden, aber dann schallen zufällig ein paar Takte von „Hell's Bells“ aus einem Fenster, und man ist wieder voll drin. Das geht bis zum unfreiwilligen Luftgitarrespielen. Furchtbar. Ich habe neulich einen russischen Gitarristen getroffen, er ist ein klassischer Gitarrist. Und er hat mir gesagt: Steh dazu. Er hat AC/DC sehr verteidigt, er sagte: „Was willst du? Ist einfach die beste Musik.“ Und dann sind wir bei ihm im Zimmer gesessen und haben „Hell's Bells“ gehört. Und noch einen anderen AC/DC-Song, bei dem er mich auf den Schlussakkord hingewiesen hat. „Hast du das mitgekriegt? Hört nicht auf der Tonika auf, sondern auf der Subdominanten. Saustark.“

Aber ich wurde mit 16 kulturell. Das kam, weil ich mich unterscheiden wollte. Viele schlimme Sachen fangen an, weil man sich unterscheiden will. Dass man sich immer unterscheidet, so sehr, wie es eigentlich schon gar nicht mehr gut ist, das kriegt man dann halt nicht mit. Und wer begreift das schon mit 16? Keine Chance. Also weg mit AC/DC, ran mit der Kultur. Fing mit Chopin an. Dann einmal die Klassik rauf und runter, und dann noch ein bisschen Moderne von Yves und Debussy bis Ligeti und Penderecki. Alles sehr ernsthaft. Ich hab die Platten noch. Die AC/DC-Platten nicht mehr, die hab ich verschenkt, damit wollte ich echt Schluss machen. Schon schade.

Danach änderte ich das wieder. Es ist ja so mit der ernsten Musik. Sie ist sehr schön, aber man muss auch immerzu denken. Vor allem, wenn man sich unterscheiden will. Man muss die Plattenhüllen studieren. Man muss sich auskennen. Sehr anstrengend. Nicht alltagstauglich, wenn es mal nur drum geht, ein Liedchen mitzuträllern. Merkt man auch mit 18, es sei denn, unterscheiden ist das Wichtigste von der Welt. War's auch eigentlich für mich. Aber nicht um jeden Preis. Ich singe gern unter der Dusche, immer schon. Das geht noch mit Debussy und Satie, aber mit den Orgelstücken von Ligeti hat man da seine Not. Zu AC/DC zurück, das war nicht möglich. Ich war noch nicht so weit, mir einzugestehen, dass meine Beziehung zu AC/DC eine lebenslange sein würde, genau wie die zu Borussia Mönchengladbach, obwohl ich Fußball hasse. Es sollte krachen und singbar sein. Ich entschied mich für Jimi Hendrix. Das kann ich aus heutiger Sicht belächeln, keine Frage. Aber für einen Achtzehnjährigen ist das schwer ok. Dass die ideale Mischung aus Debussy und AC/DC Jimi Hendrix ist, da kommt nicht jeder drauf. Ich aber sang „Purple Haze“ unter der Dusche und war eine Zeit lang glücklich.

Ich erzähle vielleicht noch ein wenig von dem russischen Gitarristen. Neulich habe ich ABBA wiederentdeckt. Ich bin der Meinung, dass ABBA und AC/DC eine Menge gemeinsam haben. Ich habe sogar einmal im Spaß die Theorie aufgestellt, dass das dieselbe Band ist. Vier Mitglieder, vier Buchstaben, beides Bands von der Erde - ist natürlich Quatsch, aber trotzdem. Der russische Gitarrist war auch ABBA-Fan. Ich sagte etwas gequält, dass ABBA schon wunderbarer Scheißdreck sei, er widersprach heftig. Ganz im Gegenteil, der Herr! ABBA is excellent! Wir sprachen immer englisch. In Russland, kurz vor der Perestroika, habe niemand so viele Anhänger gehabt wie ABBA und AC/DC, und das mit gutem Grund, weil: einfach die beste Musik. Ich war drauf und dran, ihm zuzustimmen, denn, wie gesagt, auch ich hatte kurz vorher ABBA für mich wiederentdeckt. Aber eine gute Freundin von mir meint oft: Man muss nicht alles sagen. Seit ich das beherzige, schäme ich mich viel seltener. Ein echter Gewinn an Lebensqualität, wenn man mich fragt. In der ABBA-Frage konnte ich höflich schweigen. Das hätte noch gefehlt, dass der Gitarrist „Mamma mia“ auflegt und wir beide gemeinsam durch die Hütte toben. Es gibt Stilgrenzen, die man einhalten muss.

1989, ein echtes Scheißjahr. Ich nahm an drei Hausbesetzungen teil, die alle schief gingen, und Doris kam zwar aus Amerika zurück, aber nicht zu mir. Sagte sie zwar nicht, machte sie aber einfach. Im Nichtzurückkommen war Doris einsame Spitze. Immer, wenn die Redewendung von der „normativen Kraft des Faktischen“ benützt wird, muss ich an Doris denken. Es könnte sogar sein, dass der Eigenname der normativen Kraft des Faktischen „Doris“ lautet. Es gab ja auch mal eine Band, die hieß „Die tödliche Doris“, das war mir eine Weile ein finsterer Trost. Aber eigentlich war ich 1989 noch voll in meiner Jimi-Hendrix-Phase. Hendrix+ würde ich das heute nennen. Sixties. Darum ging es. Kulturrevolution und so. Möglicherweise sah ich auch die Sache mit den Hausbesetzungen in diesem Zusammenhang. Wiederholung der Sixties. Damals waren noch keine Altachtundsechziger an der Macht, und man konnte noch glauben, die Sixties hätten irgendwie einen Impuls gesetzt, den man nur wieder anfachen müsste, oder so ähnlich. Also ich sah da einen Zusammenhang. Ich hatte auch lange Haare, während die Haare der anderen kurz bis sehr kurz waren. Sie waren auch militanter, während ich mehr Bücher las. Die anderen waren echte Autonome, vor denen sich der Bürger echt fürchtete, vor allem nach der Revolte 1986 in Wackersdorf und den Startbahnschüssen 1987. Bei uns nicht ganz so doll, war ja Provinz.

Nach der ersten fehlgeschlagenen Hausbesetzung im Februar 1989, in deren Verlauf sich auch herausstellte, dass Doris nicht zu mir zurückkehren würde, fuhr ich allein in die Provence. Ich erzähle das, weil der Trip nach Frankreich der Vorläufer für die Reise nach Amerika war, wo es dann zu dem Vorfall mit der Gitarre kam. Keine Gitarren in Frankreich. Ich erinnere mich an Ockerstaub auf meinen Turnschuhen, die neu waren und mir Blasen machten. Außerdem war mein Rucksack zu schwer. Ständig hatte ich Blutergüsse an den Schultern. Mein Zelt war total schlecht, aber ich hatte kein Geld für ein besseres gehabt. Ich hatte mir vorgenommen, entweder zu laufen, oder zu trampen, und so machte ich es auch. Es gab viele Ereignisse während der Reise, und manchmal, wenn ich nicht schlafen kann, wie zum Beispiel jetzt, springt eines auf wie ein ungeduldiger Schüler in der Schule und erzählt sich mir wieder vor. Allerdings lernte ich keine Frau kennen, wie ich das vorgehabt hatte. Das ist auch bei allen späteren Reisen so gewesen, man weiß nicht genau warum. Ich war ja immer offen für neue Geschichten, und ich muss mich auch nicht verstecken, wenn das Licht an ist, aber da passierte einfach nichts. Der russische Gitarrist hatte eine klare Meinung in dieser Sache: „Aber das ist doch logisch. Was heißt denn hier 'offen für neue Geschichten'? Welche Frau interessiert sich denn für sowas? Hör mal, ich bin jünger als du, aber ich weiß mehr von Frauen. Offen sein reicht nicht. Du musst es wollen. Was wollen? Sei kein Kind. Du musst auf der Pirsch sein, muchacho.“ Er sagte nicht „muchacho“, sondern etwas auf russisch, ich habe mir das Wort von ihm erklären lassen und sofort danach vergessen. „Nur wenn einer auf der Pirsch ist, kommt das Wild. Für manche Frauen ist das so, dass sie dann zum Reh werden. Das sind nicht die schlechtesten, glaub mir. Sie springen auf und laufen auf die Lichtung. Und ich kann dir sagen, dass sie unheimlich schlecht drauf kommen, wenn dann nicht geschossen wird.“ Hat mir schon eingeleuchtet. Es wäre auf jeden Fall eine gute Erklärung, weil alles, was mit der Jagd zu tun hat, mir zu anstrengend ist. Ich bin da möglicherweise wie mein Vater. Er wollte einmal Jäger werden. Er hatte auch schon ein Buch, auf dessen Einband die Mündung einer Drillingsbüchse und ein Hirschgeweih abgebildet waren. Es hieß: „Wie werde ich Jäger?“ und bereitete einen auf die Jagdprüfung vor. Möglicherweise wollte mein Vater Förster werden. Ich glaube, das hätte ihm gelegen, eine Tätigkeit als Oberförster. Aber dann hat er's nicht durchgezogen. Und das war auch das Problem mit mir. Ich war nicht richtig auf der Pirsch, weder in Frankreich, noch später. Also in der Provence für mich weder Frauen, noch Gitarren.

Man sieht die Sterne, und es ist ziemlich kalt, vor allem für den 4. Oktober. Irgendwie kann das nicht stimmen mit dieser versprochenen Klimakatastrophe. Ich hätte da wenig dagegen. Zum Beispiel, dass es dann hier neue Pflanzen gibt. Hamburg hat mich nie gereizt, ehrlich gesagt. Wenn da der Meeresspiegel steigt - Schicksal. Während so ein paar Lianen in der Botanik, da könnt ich mich schon für erwärmen. Und Kolibris. Ich bin ganz generell ein Freund von Verkleinerungsformen, und Kolibris sind da keine Ausnahme. In San Francisco gibt es Kolibris. Hier haben heut nacht die Fledermaüse das Sagen. Hab sie eben gesehen. Fledermäuse find ich nicht so gelungen. Allein schon diese eckigen Bewegungen, das hat so was Manisches. Und dann die Sache mit dem Sonar. Wenn man sich vorstellt, wie diese spitzen Schreie durch einen durch gehen, und man hört sie nicht einmal - ziemlich gruselig. Und dann erst die Leute, die sich für mehr Fledermäuse einsetzen! Neulich im Fernsehen. Da waren welche dabei, von denen glaubt man gleich, dass sie sich zum Schlafen an die Decke hängen. Und jedesmal, also wirklich jedesmal, wenn es im Fernsehen um Fledermäuse geht, wird einem erklärt, dass diese superekligen Vampirfledermäuse nicht in Europa, sondern in Südamerika leben, und dass sie selbst dort nicht an Menschen, sondern eher an Kühen rumsaugen. Ich finde das verdächtig. Wie bei den Haien. Kaum sieht man einen Hai im Fernsehen, heißt es auch schon, der ist ok, der hat auch seinen Auftritt im Ökosystem. Aber ich denke, jemand mit so einem Gebiss ist nicht ok. Kann er gar nicht sein. Sondern er ist ein Problem. Meine Freunde nennen mich intolerant und glauben, dass ich ein Vorurteil gegenüber Fledermäusen und Haien habe.

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Marcus Hammerschmitt. 
© Marcus Hammerschmitt 2005.

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